Aktuell: Exkommunikationen nach Abtreibung in Brasilien

In dieser Woche wurde in den Medien berichtet, dass Erzbischof Jose Cardoso Sobrinho von Olinda e Recife in Folge einer Abtreibung Exkommunikationen ausgesprochen hätte. Folgende Fakten sind in der Berichterstattung nicht immer ganz deutlich geworden:

[AKTUALISIERUNG: Ich ergänze hier die Stellungnahme der Erzdiözese von Olinda und Recife (in englischer Übersetzung); sie weicht von der bekannten Darstellung erheblich ab und weist auf einige anderswo nicht berichtet Details hin. Aus der Stellungnahme geht hervor, dass der Erzbischof – anders als berichtet – NICHT im Nachhinein die Exkommunikation festgestellt hat, sondern vielmehr im Vorfeld darauf hingewiesen hat, wie die kirchenrechtliche Situation im Falle einer Abtreibung wäre. Außerdem wird berichtet wie der zuständige Pfarrer und andere Christen sich schon im Vorfeld rein seelsorglich um die Familie gekümmert und den Familienmitgliedern praktischen Beistand geleistet haben.]

1. Die neunjährige Mutter ist aus vielen Gründen nicht exkommuniziert; unter anderem deswegen nicht, weil sich Minderjährige (unter 16 Jahren) kanonische Strafen nicht automatisch zuziehen können (Can. 1323,2).

2. Der Erzbischof hat niemanden exkommuniziert. Wer eine Abtreibung durchführt oder an ihr mitwirkt zieht sich automatisch die Tatstrafe der Exkommunikation zu (Can. 1398, Can.1329). Hier gibt es kirchenrechtlich keinen Spielraum. Der Erzbischof hat dann für den äußeren Bereich festgestellt, dass in dem konkreten Fall Exkommunikationen eingetreten sind. Aus verschiedenen Gründen hätte es sein können, dass auch für die Großmutter (gemeint ist die Mutter des schwangeren Mädchens) und die Ärzte keine Exkommunikation eingetreten wäre (Can. 1321-1324); die Voraussetzugen dafür scheinen aber nicht gegeben gewesen zu sein.

3. Eine Exkommunikation bewirkt nicht den Ausschluss aus der Kirche. Keine Macht der Welt kann einen getauften Katholiken aus der Kirche ausschliessen. ‚Exkommunikation‘ bedeutet die kirchliche Feststellung, dass sich jemand durch sein eigenes Verhalten soweit aus der Gemeinschaft der Getauften (communio) entfernt hat, dass er zur Zeit die Sakramente nicht empfangen kann. 

4. Die Exkommunikation ist eine Beugestrafe, keine Sühnestrafe. Mit anderen Worten: Sie soll eine Verhaltensänderung im Sinne des katholischen Glaubens und der christlichen Ethik herbeiführen. Deshalb darf sie nur solange aufrecht erhalten werden, wie jemand ohne Reue bei einem verkehrten Verhalten bleibt; anderenfalls ist sie sofort aufzuheben (Can. 1358,1).

5. In dem konkreten Fall aus dem Erzbistum Olinda e Recife hat der Erzbischof noch am Abend vor der Abtreibung die Familie aufgesucht; die Mutter hat jedes Gespräch mit ihm verweigert.

6. Eine akute Gefährdung der Gesundheit des Mädchens wird nicht berichtet; eine zukünftige Gefahr als Möglichkeit teilweise angesprochen (wegen des geringen Alters und der an sich schon hohen Belastung durch eine Zwillingsgeburt). Einige Berichte geben an, dass Mädchen selber habe [unterstützt von ihrem leiblichen Vater] die Kinder bekommen wollen.

MEINUNG: Aus dem eben gesagten ergibt sich meines Erachtens sehr eindeutig, dass Erzbischof Cardoso Sobrinho keineswegs das Mädchen unter Druck gesetzt hat. Vielmehr hat er sich bemüht ihre Freiheit und das Leben zweier ungeborener Menschen zu schützen. Der eigentliche Skandal ist ein anderer: Über drei Jahre hinweg ist ein junges Mädchen von seinem Stiefvater missbraucht worden, ohne dass jemand eingegriffen hat (der Stiefvater soll außerdem die 14jährige körperbehinderte Schwester missbraucht haben). Die Diskussion sollte dabei ansetzen, wie solche Verbrechen wirkungsvoller verhindert werden können und warum ein Schutz dieser Kinder in der Vergangenheit nicht möglich gewesen ist. Dass ein Erzbischof die Mittel des kirchlichen Rechtes anwendet und dafür eintritt, Abtreibung nicht als Lösungsmöglichkeit anzusehen, scheint dagegen selbstverständlich; es entspricht seiner Aufgabe. Ob es dem Erzbischof gelungen ist, sein Anliegen deutlich zu machen und ob er dafür die rechten Mittel gewählt hat oder ob er mildernde Umstände auf Seiten der Großmutter und der Ärzte nicht genügend gewürdigt hat, wird sicher auch innerkirchlich kontrovers diskutiert werden; es ist aber zu berücksichtigen, dass der Erzbischof vor allem anderen Handeln versucht hat, mit der Familie ins Gespräch zu kommen. Dass der Stiefvater in Haft und geständig ist, scheint die einzig halbwegs positive Nachricht in diesem traurigen Fall zu sein.

4 Responses to Aktuell: Exkommunikationen nach Abtreibung in Brasilien

  1. Silke sagt:

    Lieber Kaplan Meik,

    ich habe sehr lange überlegt, was und wie ich es schreiben soll, den Kommentar zu diesem „Fall“.

    1. Sie reden in Ihrer „Meinung“ von einem „jungen Mädchen“. Falsch! Es handelt sich hier um ein kleines Kind, dass seit seinem 6. Lebensjahr von seinem Stiefvater sexuell missbraucht wurde.
    2. Schon allein die Tatsache, dass sich Männer anmaßen über den Körper ein Frau zu bestimmen ist absolut nicht hinnehmbar. Aber jetzt wurde auch noch versucht, über die Mutter des Kindes, die 9-jährige davon zu überzeugen, dass sie die Zwillinge austragen soll, das ist widerlich. Ich bin froh, dass die Mutter es nicht zu dem Gespräch hat kommen lassen.
    3. Hier wurde nicht nur der Körper eines kleinen Mädchens missbraucht, sondern auch dessen Seele, um die die katholisch Kirche doch immer so besorgt ist. Ich hoffe und bete dafür, dass sich der Erzbischof Jose Cardoso Sobrinho sich nicht dafür zu schade ist, für dieses Kind zu beten, denn ich tue es.

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  2. kaplanmeik sagt:

    Liebe Silke,
    alle jungen Mädchen, die ich kenne, sind Kinder. Vielleicht ist es aber gut, dass Sie das genaue Alter angegeben haben.
    Wenn ich Sie recht verstehe, hätte der Erzbischof sich Ihrer Meinung nach gar nicht äußern dürfen und sich nicht um die Familie bemühen sollen, weil er ein Mann ist. Das kann ich nicht nachvollziehen.
    Ob der Erzbischof in der konkreten Situation dort richtig gehandelt hat oder nicht, kann ich von hier aus nicht beurteilen; es kämen nur Mutmaßungen dabei heraus. Mir war lediglich aufgefallen, dass einige Aspekte in der allgemeinen Berichterstattung unterzugehen schienen – daher mein kleiner Artikel, der vielleicht helfen mag, die Gesamtsituation besser zu erfassen.
    Noch einmal: Das Schreckliche hier sind für mich vor allem die Verbrechen, die den wehrlosen Kindern über so lange Zeit angetan worden sind. Und wie wir solche Verbrechen besser verhindern können, ist die Frage, die mich am meisten bewegt.
    Viele Grüße,
    Kaplan Oliver Meik.

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  3. Silke sagt:

    Lieber Kaplan Meik,

    der Erzbischof darf sich selbstverständlich äußern. In diesem Fall hätte er sich in erste Linie über die Grausamkeit eines Mannes äußern sollen und was er, wie ich auch schon oben schrieb, nicht nur dem Körper eines Kindes, sondern auch deren Seele angetan hat. Dies sollte er hauptsächlich verurteilen. Nicht, ob ein kleines Kind (was bei mir Kinder unter 10 Jahren sind), Kinder austragen und gebären sollen. Er darf sich selbstverständlich um die Familie dieses Kindes bemühen, aber nicht mit dem Ansinnen, dass das Kind Kinder zur Welt bringen soll. Leider bemühen sich Behörden und Einrichtungen wie die Kirche immer erst dann um Kinder, wenn das Unglück geschehen ist. Das soll jetzt nicht als Vorwurf verstanden werden, denn niemand weiß wirklich etwas über die Dinge die hinter verschlossenen Türen geschehen.
    Man kann viel über „vielleicht“ hätte ja die Mutter dieser beiden Mädchen doch etwas bemerken sollen“, schließlich ist sie ja die Mutter, „vielleicht“ hat sie weggesehen, „vielleicht“ hat sie ja doch nichts bemerkt“, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Vielleicht hat sich auch die Gesellschaft schuldig gemacht usw..
    Der einzig wahre Schuldige in diesem Fall, sind nicht die Kinder, die Mutter oder die Ärzte, sondern „NUR“ der Täter. Und ich wünsche es mir von Herzen, dass es sehr lange dauert, dass er um Vergebung bitten darf.

    Ich hoffe Sie verstehen mich jetzt nicht als eine fundamentalistische Frauenrechtlerin oder sonstiges. Ich selbst bin keine Mutter, aber dafür habe ich vier reizende Nichten und Neffen zwischen 11 Monaten und 3 Jahren. Wissen Sie, Kaplan Meik, was ich in diesen vier Kindern sehe? Ich sehe in den Kindern ihre Zartheit, Verletzlichkeit, Naivität und Unschuld. Ein Lächeln von ihnen und sie haben mich „weichgekocht“. Und diese Unschuld sehe ich in jedem kleinen Kind.
    Man soll nie etwas von Kindern verlangen, was Kinder nicht geben können und wozu sie auch noch nicht entwickelt sind zu geben.

    Kinder sind auf dieser Welt, damit man ihnen gibt und nichts von ihnen nimmt.

    Lieben Gruß
    Silke

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  4. kaplanmeik sagt:

    Ich ergänze oben die Stellungnahme der Erzdiözese von Olinda und Recife (in englischer Übersetzung) zur weiteren Information. OM.

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